Keeping up with the German(s) : 1

Wie schnell vergisst man eine Sprache eigentlich? Als Sprachstudentin klingt das vielleicht ein wenig seltsam – warum sollte sich jemand, der Sprachen liebt und studiert, sowas fragen?

Die Antwort liegt an der Diskrepanz zwischen meinen beiden Fremdsprachen. Sowohl Deutsch als auch Spanisch lerne ich schon seit mehreren Jahren, aber Deutsch zog mich irgendwie vom Anfang an an. Ja, ich hatte ein Jahr früher mit Deutsch angefangen, aber das hat weniger damit zu tun: eher, dass mir die Sprache immer sehr leicht fiel. Die deutsche Sprache verlässt sich von vorne bis hinten auf Organisation, auf Regeln – wie die Mathematik, quasi. Deshalb verstand ich nie das Meckern über die vermeintliche Schwierigkeit der Sprache: das kam immer, wie ich schnell bemerkte, von denjenigen, die sich nie die Mühe geben wollten, die Sprachstruktur zu lernen. Sobald man das gut kennt und schnell benutzen kann, kommt die ganze Sprache umso leichter. Das ist überhaupt nicht der Fall mit Spanisch. Eine sehr kapriziöse Sprache, wo die einzige Erklärung für irgendeine komische Macke nur “ja, das ist leider halt so” lautet. Außerdem – vielleicht sogar, weil Deutsch als Sprache so unterbewertet ist – hatte ich mich nie wirklich in die sogenannte romantische oder exotische Seite der spanischen Sprache verliebt. Ich fand nie, dass sie schön klingt. Genau wie Französisch, übrigens – jeder schwärmt von seiner weichen Melodie. Mir klingt sie nur lächerlich.

Andere Faktoren spielen auch eine Rolle hier. Wir hatten nie wirklich ein erfolgreiches Austauschprogramm mit einer spanischen Schule – erst, als ich fast fertig mit der Schule war. Doch mit einem Gymnasium in Wendlingen schon – und da ich eine Schule besuchte, wo Fremdsprachen Pflicht waren, bezahlte die Schule auch dafür, damit ich daran teilnehmen konnte, denn meine Mutter hätte es sich alleine nie leisten können. Obwohl es nicht mein erstes Mal in Deutschland war, verliebte ich mich sofort in das Land, die Sprache, die Kultur. Das war der schöne Anfang einer langfristigen Liebesaffäre mit Deutschland. Ich strengte mich in meiner Freizeit an, brachte mir selbst die Grammatik bei, schaute Filme, schrieb mit den Deutschen von der Schule auf ICQ, hörte Musik – Konjunktiv konnte ich schon mit 15 benutzen, und ein paar Jahre später konnte ich mit Muttersprachlern reden, ohne das man bemerkte, dass Deutsch nicht mal meine erste Sprache war. Alles, weil ich so sehr verliebt war. Ich bin auch eine große Perfektionistin – es nervt mich sogar gerade, zum Beispiel, dass dieser Eintrag zweifellos viele Fehler enthalten wird – und es wird immer zur Sucht, das mit dem Sprachen lernen: man kann ja nie wirklich perfekt bzw. fließend werden, also bleibt das Ganze wohl für immer eine Suche, ein Versuch ohne Ende.

Wie der Leser sich vielleicht schon denken kann, kam auch eine andere Art von Liebe an, die dann doch nicht so anders war. Durch viele Reisen nach Wendlingen hatte ich viele deutsche Jungen kennengelernt – ich stand auf manche, manche auf mich – aber nichts Ernstes war im Bilde, bis ich mit 17 einen Typ im Internet kennenlernte, der aus Hamburg kam. Wir waren dann insgesamt fast drei Jahre zusammen. Während des ersten Jahres unserer Beziehung sprachen wir sowohl Deutsch als auch Englisch, da wir beide üben wollten. Doch nach dem ersten Jahr, als er endlich nach England zog, um zu studieren, gaben wir das Englisch total auf, weil er am Anfang Heimweh hatte, und ich mich natürlich total darauf freute, nur Deutsch sprechen zu können.

Jedoch, als die Beziehung langsam zu Ende kam, war es wirklich kein Zufall, dass es mir immer schwerer fiel, mich exklusiv auf Deutsch auszudrücken. Ich hatte politische und soziale Ideen, wofür es immer noch keine passende Lexik auf Deutsch gibt (meine deutschsprechenden Freunde auf Twitter schreiben zum Beispiel eine seltsame Mischung aus Deutsch und Englisch, die einem Kopfweh geben kann). Mit 18 lernte ich auch einen Dichter kennen, der mich zeigte, wie ich die englische Sprache lieben könnte. Vorher hatte ich sie immer ein wenig verachtet, aber jetzt nicht mehr. Ich liebe meine Muttersprache, mit ihren zahllosen Synonymen, Redewendungen, Subtexten, alles, wofür besonderes das britische Englisch bekannt ist. Jeder spricht am besten, wenn er seine Muttersprache spricht – deswegen werden wohl EU-Dolmetscher bevorzugt, die eigentlich nicht bilingual sind, sondern ihre eine Muttersprache sehr, sehr gut verwenden können, und damit behaglich sind. Ich bin stolz auf mein Englisch (und möchte sie als Muttersprache nicht mehr ersetzen) – viele verstehen dies nicht, aber es gibt viele, die ihre Muttersprache nicht sehr gut benutzen können. Das hat manchmal etwas – sehr viel sogar in manchen Fällen – mit sozialen Hintergrund, Klasse, Bildung zu tun, aber manchmal gibt es auch hochgebildete Engländer, die kein – sagen wir es mal so – Sprachgefühl haben. Das ist natürlich nichts Schlimmes – genau wie es mir ziemlich egal sein kann, dass ich ein Auto nicht reparieren kann – aber es hilft bei der Erklärung, wie es vorkommen kann, dass man seine Muttersprache “gut” oder “nicht gut” kann, was am ersten Blick vielleicht ein wenig widersinnig klingt.

Es ist gar nicht leicht, mehrere Sprachen zu beherrschen. Wer das Gegenteil behauptet, den beneide ich. Die Nebenwirkung meiner Liebesaffäre mit Deutsch war natürlich das Leiden meiner Spanischkenntnisse. In der Schule war das eigentlich gar nicht so schlimm – ich hatte besonders während der A-Level-Zeit sehr gute Lehrerinnen und viel Zeit mit den Sprachassistentinnen. Von daher konnte ich mich relativ gesehen selbstbewusst ausdrücken, obwohl ich nie wirklich was in meiner Freizeit machte, um mein Spanischniveau zu verbessern: ich fand es nie interessant, die spanischen Nachrichten zu hören/lesen, hatte nie wirklich Freunde, mit denen ich üben konnte, und hatte – und habe immer noch – deswegen echte Probleme mit Hörverständnis und Leichtigkeit des Ausdrucks im Bezug auf eine eher informelle Sprache. Ich versuchte einmal, einen spanischen Film ohne Untertiteln zu schauen, und brach nach etwa fünf Minuten in Tränen aus, weil ich nicht mal ein Wort verstehen konnte. An der Uni wurde alles noch schlimmer, da wir knapp eine Stunde pro Woche hatten, um über ein bisschen Grammatik auf Spanisch zu reden. Eigentlich war ich fast nie dabei, weil es relativ weit von mir entfernt war, und ich viel zu viel zu tun hatte. Das hieß, Monate vergingen, ohne dass ich die Sprache außerhalb Übersetzungsunterricht benutzte. (Cervantes lesen zählt nicht.) Das war natürlich ein Teufelskreis: ich hatte keine Übung, mein Selbstvertrauen verschwand, ich wollte deswegen nicht mehr sprechen. So lief das.

Deshalb die Entscheidung, die Idee von Deutschland zu verlassen, und ein Jahr in Madrid zu verbringen. Es wäre viel zu einfach, nur das halbe Jahr hier zu bleiben, da ich wirklich eine tödliche Angst davor hatte, den Mund zu öffnen und einen Satz auf Spanisch zu bauen. In Deutschland fühle ich mich wohl: ich kann einkaufen gehen, zum Friseur, sogar ins Krankenhaus, ohne dass ich mit der Sprache wirklich kämpfen muss. Es wäre viel zu leicht gewesen und ich wusste, ich musste irgendwann die Herausforderung annehmen. Gut, dann, (naja eigentlich nicht sehr gut, aber sprachlich gesehen schon) dass ich keinen deutschen Freund mehr habe. Endlich mal totale Immersion in die Welt der anderen Sprache. Um das alles noch mehr aufzudrehen, mache ich fast gar nichts mehr Aktives, um mein Deutsch zu verbessern: ich lese im Moment “Emilia Galotti” und mache ab und zu eine Übersetzung für meine Tutorin. Wenn die Möglichkeit vorkommt, mit einem Deutschen zu reden, dann nehme ich sie natürlich begeistert an, aber sonst? Nicht viel. Ich war und bin neugierig, wie schnell eine Sprache von einem fortgeschrittenen Niveau vergessen werden kann. Im Sommer werde ich hoffentlich ein langes Praktikum in Deutschland unternehmen, Deutsch wird wahrscheinlich immer meine B-Sprache bzw. dominante Fremdsprache sein, ich möchte auch meine Master in Deutschland machen – ich glaube nicht, dass es ein hohes Risiko gibt, jedes Wort zu vergessen. Doch während der ersten Monaten hier in Spanien wollte ich das erstmal lassen, an meiner schwächeren Sprache arbeiten. Es ist schon schwierig genug, für die letzten Jahren zu entschädigen: die ganze Zeit Deutsch nebenbei zu üben würde der ganzen Idee ziemlich widerlaufen. Man muss jeder Sprache Raum lassen.

Und? Ja, ich habe die Auswirkungen schneller als erwartet bemerkt. Mein Akzent, meine Aussprache sind ein wenig anders: es fällt mir schwer, die Wörter mit der Zunge zu formen. Wenn man mich jetzt zum ersten Mal Deutsch sprechen hört, ist das wahrscheinlich gar nicht bemerkbar, aber ich spüre es. Ich muss nun mehr Wörter im Wörterbuch suchen, die ich früher kannte. Am seltsamsten für mich: wenn ich auf Deutsch rede, will das Spanisch immer wieder hereinkommen, und ich muss mich wirklich bemühen, um das zu verhindern. Genau das Gegenteil von den letzten fünf Jahren. Schon seltsam aber irgendwie erfrischend, weil ich nie wirklich glaubte, dass das jemals passiern könnte. Vielleicht wird mein Spanisch doch mal was. Und wenn nicht, wartet mein Deutsch hoffentlich immer auf mich, bis es wieder Zeit wird, zurückzukommen.

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2 thoughts on “Keeping up with the German(s) : 1

  1. Sam T says:

    Sehr interessant – und wie immer auf hervorragendem Deutsch ausgedrückt!
    Mit dem, was du über Oxford schreibst, bin ich ganz einverstanden: Ich finde es wirklich seltsam, dass ich wesentlich mehr Gelegenheiten an meiner Schule hatte, Deutsch zu sprechen, als an der Uni. In den letzten zwei Jahren ist daher ein bestimmtes Selbstvertrauen irgendwie verloren gegangen, das nur jetzt allmählich zurückkehrt.
    Und genauso wie du bin ich jetzt in meine Muttersprache verliebter als je zuvor: Manchmal fehlt sie mir eigentlich, wie auch das Gefühl, dass jedes Wort und jeder kleiner Hinweis verstanden wird.
    Nicht, dass ich die deutsche Sprache weniger liebe: Im Gegenteil! Aber ich fange an, zu begreifen und zu akzeptieren, dass ich mich immer auf englisch besser ausdrücken werde (teils weil es meine Muttersprache ist, teils weil ich die Manieren und Kultur halt besser verstehe).
    Und keine Sorgen, was dein Deutsch betrifft: Das Auslandsjahr ist ja gerade erst begonnen! Es ist quasi wie Radfahren und kommt einem immer zurück. Du machst genau das Richtige – und Deutschland wird im Sommer immer noch da sein 😀
    Liebe Grüße aus Wien!

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  2. ravenclawsblog says:

    Also erstens: Dein Deutsch ist super (ich habe keinen wirklichen Fehler entdecken können – und das ist ja nun schon eine Weile her, da bist du wahrscheinlich mittlerweile noch besser geworden! 🙂 ) Es ist wirklich lustig, das so zu lesen, da meine Situation so ähnlich ist. Es ist bei mir genau andersherum: Ich bevorzuge die englische Sprache gegenüber der deutschen, meiner Muttersprache. Englisch ist einfach schöner, weicher, sanfter, besser geeignet für Gedichte und Lieder – meiner Meinung nach. Kann aber auch daran liegen, dass ich deutsche Gedichte meist entweder zu pathetisch oder zu seltsam finde und sich deutsche Musik in den meisten Fällen nicht sonderlich gut anhört. Ich habe auch drei Jahre in der Schule Spanisch gelernt und ich mochte es auch nie so sehr wie Englisch. Allerdings ist bei mir der Unterschied auch viel größer, ich lerne seit neun Jahren Englisch und erst seit drei Jahren Spanisch. Und Spanisch fiel mir auch leicht, ich hatte vorher Latein gelernt und da konnte man vieles ableiten. Aber ein großer Fan der Sprache bin ich nicht und komischerweise rutschten mir gerne mal englische Wörter ins Spanische – schätze, das liegt daran, dass man einfach denkt “Fremdsprache!” und im jeden Fall versucht, die Muttersprache zu vermeiden.
    Naja, und Englisch ist hier halt auch wirklich überall 🙂
    Übrigens: Ich finde deine Posts bezüglich Oxford super hilfreich, ich bewerbe mich dieses Jahr (und wurde letztes Jahr abgelehnt 😉 ) Aber ich dachte ich nutze mal die Chance und kommentiere auf Deutsch. 🙂

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