Keeping Up With The German(s): 2

Dieser Eintrag wurde vor drei Wochen geschrieben, als ich im Flugzeug auf dem Weg nach Deutschland war.


So. Hier bin ich wieder. Nach wievielen Monaten jetzt? Eigentlich dachte ich irgendwie, dieser Tag würde nie wirklich ankommen. Doch hier sind wir.

Ich schreibe dies zwischen dem Flugzeugsfenster, wodurch das helle blaue Licht eines perfekten Himmels hereinstrahlt, und zwei schlafenden deutschen Mädchen. Die typischen. Lange blonde Haare, nur leicht geschminkt, schwarze Handtaschen. Nach acht Monaten in Madrid bin ich auf dem Weg nach Deutschland wieder, und das kann man auch sofort merken. Blond, blond, überall blond. Sogar das Baby gegenüber ist so blond und blauäugig, es könnte in einer Windelwerbung sein.

Das ist nur eine der vielen Sachen, womit ich nun klarkommen muss: dass ich leider wieder die ruhige Sicherheit aufgeben muss, relativ unauffällig zu sein. Nach zwanzig Jahren in Großbritannien war das wohl ein Traum, nach Madrid ziehen zu können, wo man üblicherweise annahm, ich sei Spanierin. Bis ich wohl den Mund öffnete, natürlich. Sogar die anderen Ausländer nahmen öfters an, ich sei Südeuropäerin, was mich immer freute. Nicht, dass ich meine indische Herkunft verleugnen möchte: es ist nur viel einfacher, wie all meine Freunde of colour wahrscheinlich schon wissen, wenn ich als „echte“ Europäerin erkannt werde, wenn keine weiteren Fragen gestellt werden. Das heißt naturlich nicht, dass es immer so leicht war. Vor drei Wochen saß ich im Bus auf dem Weg nach Legazpi, wo ich Unterricht hatte, und es gab nur mich und einen Mann, der mich ansah und gleich rausspuckerte,

„Indien?“

Ich mochte ihn nicht verstanden haben. „Wie bitte?“

„Wo kommste her?“

„Aus England,“ antwortete ich mit eisiger Stimme.

„Nee aber wirklich?“

„Aus. England.“ Ich habe diese Geschichte jetzt so oft erlebt und weiß sofort, was sie hören wollen.

„Aso oke, ich dachte vielleicht Indien, denn ich hab ja ne Freundin, die aus Indien kommt, und die hat die gleiche Hautfarbe wie du.“ Toll.

Trotzdem kamen solche Ereignisse in Spanien nur selten vor. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich einfach anpassen und nicht auffallen, was ziemlich grandiös war, denn das konnte ich nicht mal in Indien schaffen. Jetzt muss ich mich aber wieder daran gewöhnen, die ganze Zeit angestarrt zu werden, wie jedes Mal in Hamburg. Doch ich weiche hier leicht vom Thema ab.

In den letzten Wochen fragten alle, wie ich mich fühle, wie es mir gehe, wie ich mit dem Abschied von Madrid klarkomme. Das weiß ich selbst nicht, weil ich mich immer noch nicht verabschiedet habe. Mir kommt es so vor, als ob ich nur eine Puppe wäre, ein Automaton, von äußeren Mächten bewegt, mit keiner Autonomie. Als wäre ich einfach so im Flughafen gelandet, ohne zu wissen, wie genau das geschah. Sollte ich heute nicht zu Unterricht in Aluche? Weiß ja schon, was die Kinder diese Woche lernen wollen. Morgen muss ich nun wirklich Lebensmittel einkaufen gehen. Was machen meine Freunde dieses Wochenende so? Und so weiter. Ich war mitten in meinem Leben dort gewesen, und wollte eigentlich gar nicht weg.

Ich meine nicht, dass ich wirklich so tue, als würde ich in Madrid bleiben, mit fest geschlossenen Augen und Händen auf den Ohren – komplette Verweigerung ist nicht genau mein Stil. Vor zwei Wochen ging es mir aber so. Ich kenne das Gefühl eigentlich schon – ich glaube, jeder, der jemals in einer Fernbeziehung war, kennt das auch. Das Gefühl, wenn man da mit dem Freund im Flughafen vor der Sicherheitskontrolle steht, und plötzlich alle Kontrolle verliert und heult, „BITTE NICHT GEEEEHEEENNN!“? Ja. Dieses Gefühl.

Als Fernbeziehungexpertin (glaubt mir, das ist kein Titel, den man freiwillig haben möchte) habe ich schon die Lösung dazu gefunden – man muss einfach schon im Voraus mit der Tatsache klarkommen, damit der Abschied am Flughafen nicht mehr so peinlich ist, sondern ordentlich erwachsen und ganz ohne Tränen. Denn bis dem letzten Moment mag man irgendwie es nicht ganz erkennen, dass der Freund leider doch weg muss, sondern man täuscht sich, der würde für immer da bleiben. Ja, vielleicht wird man am vorigen Abend ein wenig traurig, aber der Freund ist in diesem Moment immer noch da, um zufällige Tränchen abzuwischen, und am nächsten Tag ist alles viel leichter. Dieser Feststellungsmoment hatte ich an dem Sonntag, wo ich traurig in meinen Kleiderschrank hereinschaute, um mich zu fragen, was ich eigentlich alles nach Hause schicken sollte. Da fielen mir die Kleiderbügel ins Auge und ich überlegte mir kurz, ob ich sie auch mitschicken sollte. Und dann – ich kann es immer noch nicht richtig erklären – brach ich plötzlich in Tränen aus. Aber sie waren keine feinen, weiblichen Tränen, sondern sie waren heftig, peinlich, wie ein wildes Wolfgeheul. Warum ein paar Drahtbügel mich so stark betrafen? Wenn man lange in einem Ort lebt, bildet sich die Illusion, dass man für immer da bleibt: die gleiche Routine, die gleichen Freunde. Ich hatte keine Zeit, mich von allem und allen zu verabschieden. Und Drahtbügel sind etwas sehr Permanentes. Wenn man bloß nur in Urlaub fährt, lässt man die dort im Kleiderschrank stehen. Aber plötzlich alles, wirklich alles, auszuräumen, ist schon ein Shock, und da muss man den eigenen Abschied auch verarbeiten.

Vor ungefähr sechs Monaten las ich einen ziemlich künstlich geschriebenen Artikel von einer gemeinsamen Freundin, dessen Thema Abschiedsmelancholie war. Ihr Blog ist in sich selbst nichts Besonderes, dieses typisches amerikanisches Durcheinander, wo Worte einfach herausgespuckt werden und hochgeladen, eine sorgfältig gekünstelte Mischung aus tiefer, philosophischer Introspektion (was bedeutet eigentlich Abschied überhaupt? Wie kann man sich eingesperrt und zugleich frei fühlen?) und ziemlich forciertem Quirkiness, Manic-Pixie-Dream-Girl-mäßig halt, welches nichts und nada mit dem Thema zu tun hat aber trotzdem sooo gerne zeigen möchte, wie einzigartig und witzig die Autorin manchmal sein kann!! Deswegen auch völlig irrelevante Kommentare über Tupperware und Zahnpasta mitten in einem Artikel über Melancholie! Ernsthaft zu sein ist anscheinend gar nicht mehr cool, man muss jede fünf Sekunden demonstrieren, dass man tief denken kann, aber irgendwie nicht zu tief, verstehste? Selbstverständlich sorgt diese mühsam verarbeitete Kombination für zahllose Facebook-Kommentare von begeistertern Freunden und Verwandten, die alle sich einig sind, dass die junge Autorin unbedingt einen Roman veröffentlichen sollte, und zwar möglichst bald.

Auf jeden Fall war der Eintrag zum Thema Melancholie beim Abschied interessant. Die Autorin stellte den Argument vor, dass man die melancholischen Gefühle nicht wegdrücken sollte, sondern sie wahrnehmen und fast genießen, sich selbst erlauben, traurig zu fühlen, dass man dann abfährt. Ihren Standpunkt hatte sie geschickt erklärt, und ich war auch damit einverstanden gewesen. Aber als ich endlich dran war, klappte es dann doch nicht. Bis ich den Drahtbügelmoment hatte, kamen überhaupt keine melancholischen Gefühle, weil ich noch nicht festgestellt hatte, dass ich doch ginge. Ich las nochmal den Eintrag und fand diesmal den Vorschlag, dass ich unbedingt versuchen sollte, diese Melancholie tief in meinem Inneren zu finden, damit ich sie auch möglichst schnell verarbeiten könnte, ziemlich sinnlos. Wie könnte ich denn Melancholie empfinden? Melancholie spürt man doch, wenn man eigentlich schon mit einer Ereignis oder Entscheidung relativ zufrieden ist, aber trotzdem bereut, dass es wirklich so sein muss. Wenn man zum Beispiel Schluss mit dem Freund machen muss, doch an die lange und meist glückliche Beziehung denkt: es muss so sein, aber es wäre schon schön, wenn es nicht so enden müsste. Das war aber nicht der Fall bei mir. Ich musste einfach gegen meinen eigenen Willen weg, weil die Uni das quasi verlangt hatte, und eben nicht, weil mein Leben dort vielleicht zu einem natürlichen Schluss gekommen wäre.

Deswegen endet das Auslandsjahr für mich jetzt. Ja, ich werde vielleicht eine Weile noch weit entfernt von England sein, aber es wird einfach nicht das Gleiche sein, jetzt neu in Deutschland anzufangen, wie es sich alles so herausstellte in Spanien. Erstens wegen des Zeitraums – ein paar Wochen können nicht so viel bedeuten wie acht Monate – und außerdem wegen des Gefühls, dass es wirklich nur Pflicht ist. Sonst wäre ich bis zum Sommer in Spanien geblieben und hätte meinen Schülern bis zum Ende des Schuljahrs geholfen. Ja, ich habe mich dann auch in den letzten Wochen gefreut, nicht mehr für mich selbst kochen zu müssen, keine Miete mehr bezahlen zu müssen, nicht mehr für die Metro sprinten zu müssen, und so weiter. Mann muss ja immer die Positiven sehen. Aber im April abzufahren ist auch ein komischer Zeitpunkt, weder wie meine Freundinnen, die nach genau sechs Monaten im Frühjahr wegzogen, noch wie diejenigen, die bis zum Sommer bleiben.

Deutschland hat auch seinen Reiz für mich verloren. Aus diesem Grund entschied ich mich, nach Bayern zu gehen, damit es auch mal etwas Anders wäre, obwohl ich viele Angebote von Familien in der Schweiz bekommen hatte. Das wäre sicherlich schön gewesen, trotz der Tatsache, dass ich wahrscheinlich kein Wort verstanden hätte. Viele reagierten etwas besorgt auf meine relativ sichere Entscheidung aber, denn Bayern sollte ein sehr ausländerfeindliches Bundesland sein. Davor habe ich auch Angst, muss ich zugeben. Diese Sorge trägt am meisten dazu bei, dass ich von Spanien nicht weg will. Schon wieder muss ich wohl meine ganze Existenz erklären müssen, schon wieder muss ich jedes Mal preisgeben, dass ich kein Schweinefleisch esse, und so weiter, und so fort. Und darauf freue ich mich überhaupt nicht.

Also fliege ich nun Richtung Deutschland mit einem schweren Herzen. Ich hoffe sehr, dass es nicht so sein wird, wie ich es mir gerade vorstelle, aber ich kann das leider gar nicht beeinflussen. Ich muss einfach abwarten und schauen, wie es so läuft.

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